Jerusalem-feeling im Pfarrgarten – Blütenexplosion wie Feuerzungen

Sri Lanka, Ghana, Litauen, Polen, Eritrea, Ukraine, Indien und Deutschland: Länder mit unterschiedlichen Sprachen, Bräuchen und Trachten, sie alle feierten im Pfarrgarten in Everswinkel das Geburtsfest der katholischen Kirche, Pfingsten. Pfr. Carnecki formulierte in seinen abschließenden Dankesworten die Atmosphäre während des Festgottesdienstes als „Jerusalem-feeling“. Und so entstand dieses Feeling:

6 junge Mädchen aus Sri Lanka im grünen Sari gekleidet hatten sich für einen Tanz aufgestellt, den ihre Tanzlehrerin Frieda mit ihnen eingeübt hatte. Mit einer Explosion aus roten Blütenblättern, die von den Tänzerinnen in die Höhe geworfen wurden und wie Feuerzungen langsam herabregneten starteten sie ihren ausdruckstarken Tanz.

Langsam zogen sie dabei mit den drei Priestern: Pfr. Carnecki (Polen), Pfr. Thomas (Indien) und Monsignore Gunkel (Deutschland) musikalisch begleitet zum Altar, der vor dem Pfarrheim aufgebaut war. Angeführt wurde diese kleine Prozession von tamilischen Frauen, jede trug eine goldene Schale mit einer auf Mango-Blättern ruhenden Kokosnuss darin, ein in ihrem Heimatland übliche Geste des Willkommens. Die Schalen übergaben sie am Altar den Priestern, die sie auf dem Altar positionierten. Mit diesem für alle Teilnehmer außergewöhnlichen Introitus war man schon nach Jerusalem katapultiert, in dem zum ersten Pfingstereignis vor etwa 2000 Jahren der Heilige Geist in Feuerzungen auf die Jünger herabregnete. „Zungen wie von Feuer, die sich verteilten…“ (Apg 2,3

Alle im Gottesdienst vorgetragenen Texte und Lieder wurden in der Muttersprache der Sprecherinnen und Sprecher, Sängerinnen und Sänger vorgetragen. Im Handzettel konnten die deutschen Teilnehmer den Inhalt verfolgen. Die universalen Ausdrücke: Amen und Halleluja waren dabei unverkennbar in jeder Sprache zu verstehen und sorgten für Aha-Effekte-

Nach der ersten Lesung in deutscher Sprache, trugen 2 Familien aus Eritrea einen Gesang vor, an dem sogar die Kleinstkinder auf dem Schoß ihrer Mutter beteiligt waren.

In einer feierlichen Prozession mit Vertretern aller beteiligten Nationen wurde das Evangeliar durch den Garten zum Lesepult getragen. Diese Tradition findet sich in vielen afrikanischen und asiatischen Ländern. Hierdurch wurde auch im Pfarrgarten in Everswinkel die Bedeutung der Heiligen Schrift als das Leitbild christlicher Kirchen betont.

Mit ausdruckstarker, kraftvoller Stimme brachte Synthia aus Ghana dieses in einem Solo-Gesang in ihrer Muttersprache zum Ausdruck. Wenngleich kaum einer die Worte verstand, wusste wohl jeder, was die Sängerin zum Ausdruck bringen wollte, ein Gänsehautmoment.

In den ersten vier Worten seiner Predigt sprach Pfr. Thomas die Anwesenden in seiner Muttersprache: Thamilisch an, was spürbar die meisten nicht verstanden. Die Übersetzung: „Liebe Brüder und Schwestern!“ lieferte der indische Priester jedoch schnell nach.

Aus dieser Erfahrung des Nichtverstehens warf er die Frage auf: „Gibt es eine Sprache, die alle Völker verstehen können?“  Die Antwort liegt wohl auf der Hand: „Liebe ist die Sprache, die alle Männer und Frauen, unabhängig von ethnischer Herkunft verstehen“, so der indische Priester. Im Weiteren verglich er das Pfingstfest mit der Geschichte aus dem Alten Testament (Gen 11,1-9) vom Turmbau zu Babel. Während dort die Menschen allein sich selbst groß zu machen suchten, schlägt das Pfingstereignis eine Brücke zu und zwischen den Menschen. „Ein Wunder der Verständigung, welches nicht gleichmacht, sondern verbindet, … lernen, einander zu verstehen – trotz unserer Verschiedenheit.

Pfr. Thomas brachte es am Ende seiner Predigt auf den Punkt: „Der Heilige Geist schenkt uns die Kraft dazu, damit wir miteinander die Sprache der Liebe sprechen können.“

Latein als weltumspannende Sprache der Christen fand ihren Platz im Kehrvers zum Credo: „Credo in unum deum!“ zu dem Organist Thomas Krass die Zwischentexte vorsang, oder im gemeinsamen: „Sanctus Dominus Deus Sabaoth“.

Die Fürbitten, von Vertretern der verschiedenen Herkunftsländer in ihrer Muttersprache vorgetragen, konnten die Gemeinde in jeweiliger Übersetzung im Handzettel nachlesen. Dieses war, wie es später die Sprecherin aus Litauen bemerkte, ein berührender Moment, ihre Muttersprache vor einer deutschen Gemeinde sprechen zu dürfen.

Ein weiterer bewegender Moment war das „Vater unser“, von jedem in seiner Muttersprache gesprochen, Obgleich die Worte der anderen Sprache fürs eigene Ohr unverständlich war, verband jedoch das Wissen um den Inhalt des Gebetes, welches Jesus in seiner Muttersprache: Aramäisch, zuerst gesprochen hat.

Drei Jugendliche im traditionellen Dhoti, einem Wickelrock, gekleidet, trugen würdevoll Schalen mit Blumen, Räucherstäbchen und kleinen flammenden Lichtern zum Altar. Eine eindrucksvolle, stille Geste der Verehrung und Huldigung. Sie erinnerten mit diesem Ritus an die Heiligen Drei Könige, die dem Neugeborenen in Bethlehem Gold, Weihrauch und Myrrhe darbrachten.

Agnes Franken, Vorsitzende des Pfarreirates und Mitglied des Sachausschusses MIA (Mission, Entwicklung, Frieden) lud nach dem feierlichen, mitreißenden Gottesdienst zum Verweilen ein bei Fingerfood aus verschiedenen Ländern, unkompliziert als offenes Buffett auf einem Tisch zur Selbstbedienung angerichtet. Viele der mehr als 200 Besucherinnen und Besucher machten von diesem Angebot Gebrauch, nicht ohne sich lobend über die kleinen Köstlichkeiten zu äußern.

Für Auge und Ohr gab es dann noch ein weiteres Highlight. Während Pfr. Thomas auf diesen Höhepunkt nach dem Gottesdienst hinwies, hatte sich schon die kleine, 9 Jahre junge Tanja in ihrem bunt leuchtenden Sari und einem exzellent gestalteten Kopf- und Haarschmuck in die Ausgangsposition für ihren Tanz begeben, hochkonzentriert, in sich ruhend. Als dann die Musik erklang, bewegte sich das Mädchen anmutig mit grazilen Bewegungen auf der Tanzfläche bis in ihre Fingerspitzen, Körpersprache in Vollendung. Dabei wurde sie von ihrer Tanzlehrerin auf Cymbeln rhythmisch begleitet.

Nicht nur die Beteiligung verschiedener Nationen mit ihren unterschiedlichen Sprachen, auch die Vielfalt der Farben in der traditionellen Kleidung, die Besonderheit der Höreindrücke musikalischer Beiträge unterschiedlicher Kulturen, der sich verbreitende Wohlgeruch der Räucherstäbchen und nicht zuletzt der breitgefächerte Wohlgeschmack der angebotenen Finger-Food sorgten für eine alle Sinne ansprechende und inspirierende Erfahrung.

Manche Teilnehmerin, mancher Teilnehmer verließ den Pfarrgarten mit feuchtfröhlichen Augen und einem Lächeln im Gesicht. Das feurige Pfingstereignis konnte so vom Kopf ins Herz gelangen. „Gehen wir mit diesem himmlischen Wind im Rücken in die neue Woche“, so der Wunsch von Pfr. Thomas, der dieses bemerkenswerte Pfingstfest in Everswinkel über ein Jahr hin vorbereitet hatte.

Michael Schulte

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